Klettergeschichtliche Betrachtung
Die Anfänge
Wann es mit „sportlicher“ Kletterei im Wasgau anfing, lässt sich nach mehr als einem Jahrhundert nicht mehr ganz genau feststellen. Im Zusammenhang mit der Errichtung des Aussichtsturms auf dem Rehberg südlich von Annweiler war am 3. Juni 1860 der Asselstein mit Hilfe von Holzleitern und angelegten Baumstämmen an seiner Westwand betreten worden. Später wurde dort sogar ein Drahtseil und damit einer der ersten Klettersteige Deutschlands installiert.
1903
1903 fesselten der Hundsfels und der Rödelstein das Interesse von Dr. Roland Scholl (Karlsruhe) sowie Karl und Oskar Mugler (Neustadt). Es sei dahingestellt, welcher der beiden Gipfel tatsächlich zuerst bestiegen wurde. „Offiziell“ wurde über lange Jahre die Besteigung des Rödelsteins als Geburtsstunde des Klettern im Wasgau benannt. Aber vielleicht war es auch Dr. Karl Petri (Göcklingen), der zuerst den Hundsfels erstieg.
Die Nachrichten über das Klettern und der Enthusiasmus machten schnell die Runde unter den damals wenigen, die sich für die zahlreichen, noch unbestiegenen Türme interessierten. Erwähnt sein soll auch, dass die damalige Freizeit-Frischluft-Bewegung eng mit dem im November 1902 gegründeten Pfälzerwaldverein verbunden ist. Am Gründungstreffen nahmen u.a. Otto Bilfinger, Albert Grimmeisen und Adrian Platz teil, auf deren Konto die ein oder andere Erstbesteigung geht.
1904
– da galt der Hundsfels schon als Modefels – kam es zu einem ersten Erschließungsboom. Karl Mugler erklomm am 2.6.1904 zusammen mit Dr. Roland Scholl den großen Kamin am Bundenthaler Turm. Am gleichen Tag gelangen ihnen noch drei weitere Gipfel der Fladensteine: Ilex-, Jüngst- und Erlenbacher Turm. Aus heutiger Sicht DER Meilenstein ist die Erkletterung des Jungturms am 6.7.1904 von Friedrich und Karl Jung. Bewertung gab es übrigens in diesen Jahren noch nicht wirklich. Aber vieles davon lässt einen heutzutage doch eher schmunzeln – und an einer gewissen Zurückhaltung bei den Schwierigkeitsangaben wird auch heute mitunter noch festgehalten.
1905
ist die Geierschnabel-Besteigung durch Heinrich Holder und Emil Kranz hervorzuheben. Gleiches gilt für Schäferturm, Holderturm, Büttelfels, Bockturm und Mariaturm (alle 1906). Hierbei tauchen immer wieder die Namen von H. Holder, A. Grimmeisen, F. Jung, August Bauer, K. Petry, Oskar Volkmer und O. Bilfinger auf. Der „Grimmeisenweg“ am Hirtsfels (1907) fällt mit viel Luftigkeit auf. Die 1908 erfolgte Besteigung der Puppe am Spirkelbacher Rauhfels durch Karl Wendel sticht heraus – und die Namensgebung Otto-Wendel-Turm schmeichelt wohl einem der Teilnehmer etwas mehr. Im gleichen Jahr konnte auch der Hauptgipfel der Fischfelsen durch Emil Ney und Ernst Schlemmer erklettert werden. Beide erschlossen zudem die Normalwege am Glasfelsen und auf den Hirtsfels. Ähnlich sportlich waren sie am Hauensteiner Turm unterwegs, der drei Monate vorher schon durch F. Jung, K. Petri und A. Bauer unter Zuhilfenahme eines Baumstammes erklommen werden konnte.
Schulterstand war damals eine ebenfalls beliebte Technik, bei der oft die ganze Mannschaft eher marginal gesichert war.
Was man für die Phase leider konstatieren muss, ist die Tatsache, dass einige der damaligen Akteure nicht zögerten, eine als zu schwierig erachtete Passage mittels geschlagener Griffe zu entschärfen. Spuren dieses Tuns findet man vor allem in vielen Normalwegen. In einem Zeitdokument aus dem Jahre 1913 beklagt man sich darüber, dass Unbekannte den Asselstein-„Normalweg“ derart verstümmelt hatten.
Diese erste Erschließungsphase ließe sich eben mit dieser Route von E. Ney, E. Schlemmer und Rudolf Schonger am 21.9.1909 als beendet betrachten (wie erwähnt wohl ohne geschlagene Griffe und derart sicherlich schwieriger als die heutzutage manifestierte „leichte“ 4). Allerdings wurden im gleichen Jahr auch noch der „Jung-Hardt-Kamin“ am Asselstein, der Geierturm, der Erbsenturm- „Westwandriss“ und der Heegerturm- „Südostwandriss“ erstbegangen.
Dass man bereits so manchen Gipfel mit Seilüberwurf oder ähnlichem erreicht hatte, gilt als Randnotiz (1908 Geierturm und Hauensteiner Turm, Darstein, Luger Friedrich und Hauensteiner Puppe 1909).
Spätestens 1910 traten Fritz und Theo Mann (Ludwigshafen) auf den Plan. Sie erkletterten nicht nur teils spektakuläre Gipfel wie Luger Friedrich, Sternfels, Taub, Friedrichturm (alle `11), Stuhl (`12) und Theoturm (`14) als erste, sondern machten sich, teilweise bereits durch schlimme Risse und über ausgesetzte Wände, an neue Routen. Als Marksteine sollten gelten: „Ostwand“ (`10), „Fritz-Mann-Kamin“ (`12), „Ostgrat- Nordverschneidung“ (`13) und „Westwand (`13) – alle am Asselstein.
Aber auch der „Erstersteigerweg“ (`11), „Westlicher Südriss“ (`12), „Alte Südwand“ sowie „Südkamin“ (jeweils `13) an den Dürrensteinen und auch so ausgesetzte wie Neyturm – „Kanzelweg“ (`12) oder Büttelfels – „Ostgrat“ (`14) verdienen eine Erwähnung.
Damals mitunter angewandte Seilpraktiken, hier Überwurf vom Nachbargipfel, erlaubte es den beiden, bereits im März 1913 die Adelsnadel zu betreten. Versuche an der steilen Südseite scheiterten allerdings noch. Am Hirtsfels gelang 1913 Th. Mann ein direkterer Ausstieg zum bereits erwähnten „Grimmmeisenweg“ entlang eines abdrängenden breiten Risses – auch heute noch anspruchsvoll für den Grad.
Bis 1914 gab es ca. 100 Routen.
1920 – 1929
Der Start zu noch schwierigerer Kletterei als vor dem 1.Weltkrieg war wohl der „Rolfkamin“ am Asselstein (1920) von Rudolf Christmann und Philipp Pfundstein. Ab 1921 mischten Wilhelm und Otto Matheis (Rodalben) kräftig mit. Sie konnten den Ludwigshafener Turm, als auch die Adelsnadel, als erste „sportlich“ besteigen.
Beeindruckend ist auch die Begehung der „Südwand“ am Jungturm von F. und Th. Mann – auch wenn ganz unten zwei komfortable Tritte herausgeschlagen wurden. Kurz vorher hatten sich die beiden auch auf den Falk hochgewerkelt. Zu diesem „Normalweg“ kam sogar gleich noch ein ausgesetzter „Falkenwändel“-Ausstieg hinzu. Ein Jahr später schnappten sich die beiden die Erstbesteigung des Honigfels. Zusammen mit den 1922er-Erfolgen an der Adelsnadel – „Südwand“ und dem „Zwei-Zinken-Weg“ am Geierstein lässt sich auch heute noch gut nachvollziehen, was damals schon an schwerer Kletterei gemeistert wurde.
Was mit dem „Nordriss“ hinter der Hochstein-Nadel als ein 6er-Schrubber bereits `21 begann, fand `23 an der zwar technisch leichteren, aber doch ausgesetzteren „Bockverschneidung“ am Bockturm durch die Brüder Matheis eine Vollendung. Am „Pfundstein-Schmidt-Riss“ am Asselstein konnte Ph. Pfundstein klettertechnisch noch weiter drauflegen (auch wenn es in Sachen Absicherung zu Unstimmigkeiten kam).
In den 20er-Jahren machte sich Jakob Pres als „König der Normalwege“ einen Namen, weil er all jene im Alleingang und meist auch im Abstieg beging. Hätte es damals schon Bouldern „als Sport“ gegeben, wäre der 1928 von ihm gekletterte „Feuerriss“ am Schafsfelsen* sicherlich als Highball gewertet worden.
In den ersten fünf Jahren der 1920er wurden ca. 75 Routen erschlossen, immerhin ein Schnitt, der erst wieder nach dem 2.Weltkrieg erreicht wurde.
1930 - 1949
Den westseitigen Wabenriss am Neyturm mit einer Schwebesicherung vom weit gegenüber stehenden Schlemmerturm zu begehen, musste man sich erst einmal trauen. Dass Albert Reul bereits 1930 ziemlich gut klettern konnte, hat er mit einem weiteren „Maurerweg“, nämlich dem am Asselstein, 1933 unter“mauert“. Und dass es nicht nur vor der Haustür zum Klettern und Erschließen ging, zeigte August Reinbold (Annweiler) mit dem „AK-Weg“ am Falk (1932). Über die „Nordwestwand“, also Talkante, auf den Spirkelb. Rauhfels zu klettern, ist nahezu in Vergessenheit geraten. Auch nicht öfter wiederholt wurde der, den selben Start nutzenden, „Dörr-Bauer-Weg“ aus dem Frühjahr `33. So behaftet diese Jahreszahl auch ist, für das Klettern im Wasgau geschah damals Bahnbrechendes, auch weil jüngere Akteure die Bühne betraten. Der Spirkelb. Rauhfels- „Großer Südwandriss“ am Palmsonntag (Erwin Gessner, Rudi Scheiber), in der ersten Maiwoche der „Kanzelweg“ am Rödelstein (Fred Frey, R. Scheiber, Gebr. Gessner), am Pfingstmontag der „Pfeilerweg“ am Luger Friedrich (Heinrich Dörr) und Mitte Juli die „Südverschneidung“ an der Schützenwand (F. Frey, Emil Gessner) sind Unternehmungen, die man bei historischem Interesse im Blick haben muss. Und damit nicht genug. Richard Scheerer gelang, von Heinrich Kauther begleitet, bereits 1933 die „Alte Südwand“ am Ludwigshafener Turm, `35 der „Schnapsweg“ am Bruchweiler Geierstein und wiederum zwei Jahre später mit der „Talwand“ an der Adelsnadel eine der ansprechendsten Linien im Dahner Felsenland. Bei letzterer kamen mehr Haken als damals üblich zum Einsatz. Karl Härig kletterte zusammen mit Pauline Gessner in dieser Zeit ebenfalls äußert anspruchsvoll: Der nahezu ungesicherten Taub- „Ostwand“ (`33) folgte 1935 die noch luftigere „Große Südwand“ am Friedrichturm.
„Direkter Zinkenriss“ am Geierturm (R. Scheiber) und „Alter Südwandweg“ am Rödelstein (jeweils `34), die Büttelfels- „Große Südwand“ (`35) als auch Bockturm- „Große Südwand“ (`37), alles Routen der Seilschaft Scheiber – Frey, waren und sind „Bergfahrten“ ersten Ranges.
Dazu zählen sicher auch die beiden Südrisse am Bundenthaler Turm von 1937 (F. Frey) und 1938 (R. Scheiber) – Freiklettereien erster Güte. Selbst die etwas gängigere „Feuerverschneidung“ (R. Scheiber) und der „Feuerkamin“ (F. Frey) am Schafsfelsen (`34), die „PK-Kante“ auf die Hochstein-Nadel (R. Scheiber, Erwin Gessner, F. Frey `35) oder der „Schartenweg“ am Bruchweiler Geierstein (F. Frey, Gebr. Gessner `37) sind heute immer noch beachtete und geschätzte Klettereien.
Die 1935 gekletterte „Abseilwand“ am Honigfels (Gustav Kraft), der Ausstieg an der Heufels – „Talwand“ (Scheiber – Frey `37) sowie der „Neue Talweg“ am Hauensteiner Turm (Frey – Scheiber `38) wiesen kurze Hakenunterstützte Klettermeter auf. Mit der „Klosterwand“ läutete wohl R. Scheiber endgültig diese methodische Erweiterung des Kletterns hierzulande ein, weil er dort eine für damalige Verhältnisse größere Anzahl Haken verwendete, um sich über die schwierigste Stelle hinweg zu helfen.
Als Freiklettereien könnten wohl die Napoleon – Nordwand (Scheiber – Frey `40) und der „Emil-Gessner-Gedächtnisweg“ an der Rappenwand (Frey – Gebr. Gessner `41) hervorgehoben werden. Ein Mehr an Haken brauchte man, um die „Alte Westwand“ (Frey – Gebr. Gessner) am Großen Fischfelsen wie auch die Sternfels – Nordwand (Scheiber) zu bezwingen. Schweres Freiklettern wurde und wird am „Hans-Wenger-Gedächtnisweg“ am Rauhfels (Erwin Gessner und „Gefolge“ `42) und am Darstein- „Nordriss“ (Frey – Gebr. Gessner) geboten (beide `42). Mit dem boulderartigen Start vom „Lagerweg“ am Spirkelb. Rauhfels hat R. Scheiber bereits damals am 7ten-Schwierigkeitsgrad angeklopft. In der „Abseilwand“ am Bundenthaler Turm (Scheiber `43) und beim „Alten Südwandweg“ am Retschelfels (Frey `44) kam es wieder zu erhöhtem Hakeneinsatz, der Eindrücklichkeit dieser Routen ist dies bis heute wohl nicht abträglich.
Selbst in den Jahren nach dem 2.Weltkrieg, wo sicherlich ganz andere Probleme herrschten, gönnten sich einige wenige nicht nur den „Luxus“ zu Klettern, sondern auch neue Routen zu begehen. Genannt seien Taub – „Pfeilerweg“ (Frey `46), Stuhl – „Nordriss“ (Walter Wolf `47) und 1948 Bundenthaler Turm – „Seilquergang“ (Scheiber), Neyturm – „Große Südwand“ (Scheiber), Schulerturm – „Talwand“ (Hans Laub) sowie Krähenstein – „Südwandriss“ (Arno Zirkel). Der „Großer Südriss“ am Ottoturm (Frey) wurde `49 gegangen. So auch „Talkante“ am Luger Friedrich und „Alte Ostwand“ am Jungturm, wo jeweils Hans Rauscher, mit viel Eisen bewaffnet, in ziemlich steilem Gemäuer durchkam.